Zwei Praktikanten und die Schulköchinnen
Sergio und Vincente, beide 20, unterstützen derzeit als Praktikanten unser Projekt Bildung bleibt in Bolivien. Ihre Aufgabe: die Entwicklung einer möglichst nutzerfreundlichen Kochstelle – und zwar für Dorfschulen. Von denen gibt es im Bezirk Micani elf Stück, zusätzlich eine Sekundarschule mit Internat. Täglich bereiten hier entweder angestellte Köchinnen oder (in den kleineren Gemeinden) abwechselnd die Frauen der Gemeinde das Schulfrühstück und Mittagessen für bis zu 60 Schülerinnen und Schüler zu. An den meisten Tagen gibt es Suppe, Nudeln, Kartoffeln und zum Frühstück Milch mit Hafer. Gekocht wird in riesigen Töpfen von einem halben Meter Durchmesser.
Die großen Töpfe sind in zweierlei Hinsicht eine Herausforderung: Aus rein technischer ist das Verhältnis zwischen dem Volumen der Töpfe und damit der zu erwärmenden Masse zur Topfoberfläche auf Grund der Größe problematisch. Das kann man sich wie folgt vorstellen: Vergrößert man den Durchmesser eines Zylinders, so wächst sowohl dessen Oberfläche, wie auch dessen Volumen. Allerdings nimmt die Oberfläche viel schneller zu als das Volumen. Um ein bestimmtes Volumen an Wasser zum Sieden zu bringen, benötigt es eine entsprechende Menge an Wärmeenergie. Die wird jedoch über die Oberfläche des Kochtopfes übertragen. Was nun kompliziert klingt, kennt eigentlich jeder aus der heimischen Küche: Ein großer Topf braucht viel länger bis er kocht, erst recht ein riesiger.
Die zweite Herausforderung ist leichter simpler aber dennoch schwer zu lösen. Wenn für 60 Kinder gekocht wird, wiegt der Suppentopf mitsamt Inhalt häufig bis zu 80 kg. Das ist für die Schulköchinnen und ihre Helfer zu schwer, um ihn aus der Kochstelle nach oben herauszuheben.
Die Herausforderungen erscheinen groß, doch entsprechend groß ist auch der Nutzen, sollte es uns gelingen, gut akzeptierte Schulkochstellen in Micani zu verbreiten: Alleine am Internat werden pro Woche 250 kg Holz für die Zubereitung der Mahlzeiten verbraucht. Die Hälfte davon ließe sich durch effizientere, rauchfreie Kochstellen einsparen. In Deutschland geht ein Team der Ingenieure ohne Grenzen ersteres Problem an und untersucht Möglichkeiten, die Wärmeübertragung an die Töpfe zu optimieren. Sergio und Vincente sollen sich vor Allem der zweiten Herausforderung widmen: Ihre Aufgabe ist es, den Kochprozess zu analysieren und dann eine Kochstelle zu entwerfen, die möglichst den Bedürfnissen der Nutzerinnen entspricht.
Die Problematik kennen beide gut, kommen sie selbst auch aus ländlichen Verhältnissen – Vincente sogar aus derselben Region (Norte de Potosí) in der auch wir arbeiten und spricht die gleiche indigene Sprache wie die Köchinnen. Sergio hingegen kommt aus den tiefer gelegenen Yungas, den Dschungelgebieten in der Nähe der Hauptstadt La Paz. Dort arbeitete er erst einige Jahre unter Tage als Goldsucher, bevor er seine Ausbildung zum Mechaniker an unserer Partnerschule Instituto Tecnológico Sayarinapaj begann.
Einen Tag lang untersuchten die beiden ausgiebig den Kochprozess. Interviews wurden mit den Schulköchinnen geführt. Töpfe wurden vermessen und Speisepläne dokumentiert. Am Schluss steht ein Vorschlag: nicht nur die Kochstelle muss optimiert werden, sondern die ganze Küche. Eine saubere Arbeitsplatte müsse her, damit die Köchinnen das Gemüse nicht auf dem Boden sitzend schneiden müssen, ein Dach als Schutz vor Sonne und Regen wäre angenehmer, eine Wasserleitung mit Waschbecken sollte direkt an den Ort des Kochens gelegt werden und ein sauberer Estrichfußboden mit Abflussrinne müsse her. Und das Problem mit den schweren Kochtöpfen? Ein Hebemechanismus? Eine Kochstelle, die man nach vorne hin öffnen kann? Konstruktiv alles viel zu kompliziert. Die Suppe könne man auch aus dem Topf in der Kochstelle servieren. Die Schwierigkeit liege ausschließlich im Abgießen des Nudel- und Kartoffelwassers. Das kann man durch einen siebartigen Topfeinsatz lösen. Ähnlich wie beim Frittieren in Öl kann man dadurch die Kartoffeln aus dem heißen Wasser heben.
Drei Tage lang arbeiteten Sergio und Vincente an der Musterküche. Dann müssen sie an ihre Schule zurückkehren. Ganz fertig ist die Musterküche Micanis noch nicht, aber die Siebe wollen sie in den kommenden Tagen in den Werkstätten ihrer Schule selbst fertigen. Und auch in Deutschland schreiten die Pläne für eine große Schulkochstelle und einen Prototypenbau voran.
Verfasst von: Christoph Netsch