23. bis 25.11.2009 - FERMENTER+GASSPEICHER-FERTIGSTELLUNG - BESICHTIGUNG HAUPTSTADT-MÜLLDEPONIE
Ralf Müller
28.11.2009 15:03
Der Fermenter steht kurz vor seiner Fertigstellung, und der Gasspeicher wird soweit vorbereitet, dass er demnächst eingesetzt werden kann. Am Mittwoch besichtigen wir die größte und modernste Deponie des Landes bei San Salvador.
Die neue Woche beginnen wir mit unerschiedlichen Aktivitäten: Während sich Niklas in Santa Ana mit einem Professor trifft, um Möglicheiten einer künftigen Zusammenarbeit zwischen seinem Institut und der Uni in Santa Ana für Projekte im Bereich Abwasser zu diskutieren, erledigt Ralf ein paar Dinge für seine Firma und schlägt sich mit dem Virenproblem auf dem Rechner unserer Partnerorganisation ADEMUZA/APOCAM herum. Denn dort hat sich in Windows Vista wohl schon seit einiger Zeit ein hartnäckiger Wurm eingenistet, der für Fehlfunktionen bei Programmen führt und u.a. dafür sorgt, dass sich kein AntiVirus-Programm installieren lässt. Tja, hätte man von vorneherein ein ordentliches Sicherheitspaket installiert, wäre es erst gar nicht soweit gekommen – so sind wir Deutschen es einmal mehr, die auch „digitale Entwicklungshilfe“ leisten müssen…
Wie sich herausstellt, kann der Schlauch, den wir beim Baumarkt unseres Vertrauens letzte Woche vorbestellt hatten, doch erst am Mittwoch geliefert werden. Jedoch stoßen wir beim Farbe kaufen in einem anderen Baumarkt im Stadtzentrum auf genau den Schlauch, den wir ins Auge gefasst hatten, und schlagen dort spontan zu. Mit dem Mototaxi (Tuk-Tuk) kommen wir wenig später an unserer Baustelle an, wo Niklas heute selbst einmal in den Fermenter „abtaucht“, um mit feinem Mörtel die letzten Stellen von innen zuzuschmieren. Hut ab bei der schwülen Hitze, die heute selbst an der frischen Luft herrscht. Ich selbst scheife die Roststellen am Mannloch ab und spendiere ihm eine erste Schicht weißer Farbe als Korrosionsschutz. Danach mache ich mich mit William (ein weiteres engagiertes Mitglied unserer Partnerorganisation) daran, die Gasspeicherfässer auf eine saubere, Ebene Fläche zu wuchten und mit Besen, Lappen und Schmirgelpapier vom gröbsten Dreck, Staub und Roststellen zu befreien. Selbst William stehen die Schweißperlen auf der Stirn, und langsam bricht auch die Zeit der nervigen Moskitos wieder an, sodass wir bei tiefstehender Sonne für heute die Baustelle wieder verlassen. Wir feuen uns schon auf die Geburtstagsfeier von Silvia heute Abend, wozu wir uns noch mit einer Flasche Rum und Salva-Cola eindecken – als Mitbringsel kommt das erfahrungsgemäß immer gut an ;o)
Am Dienstag begleitet uns Silvia auf die Baustelle, um bei den anstehenden Arbeiten mit anzupacken. Zunächst entfernen wir die Holzschalung und sind sehr zufrieden, dass das Einbetonieren des Zu- und Ablaufrohres wie geplant geklappt hat. Im Inneren des Fermenters verpasst Ralf den noch nicht geschützten Stellen im Gasraum einen Bitumen-Anstrich, während Silvia mit der weißen Wetterschutzfarbe den Verschlussdecken des Mannlochs anstreicht, von dem künftig das Gas aus dem Fermenter abgezogen und in den Gasspeicher geleitet wird. Zur Mittagszeit machen wir uns auf in Richtung Tourismus-Areal ca. 5 Gehminuten entfernt und genießen frisch gefangenen Fisch mit Colabier, und relaxen ein Stündchen im Schatten der schwülen Mittagshitze. Zurück an unserer Baustellen angekommen machen wir uns daran, den Führungsdraht zu spannen, der zukünftig den Gasschlauch vom Gasspeicher in Richtung der Käserei am Lagerhaus entlang führen soll, und zwar so, dass ein stetiges Gefälle in Richung der geplanten Kondensatfalle eingehalten wird. Beim Festkloppen eines Nagels zur Fixierung des Drahtes am Längsbalken des Gebäudes macht Ralf unliebsame Bekanntschaft mit einer Horde Ameisen, die sich am quer verlaufenden Dachsparren eingenistet haben, und muss sich erst ein paarmal pisaken lassen, bevor alle Ameisen abgeschüttelt und gekillt sind. Kurz nach dem Anbringen des letzten Nagels zur Fixierung des Drahts kommt auch schon wie gerufen unser „Patron“ Meme mit seinem Sohnemann und Schweißgerät im Schlapptau an, um die Führungsringe an die Gasspeicherfässer anzuschweißen. Diese sollen dafür sorgen, dass die Fässer sich stehts durch zwei vertikale Stahlrohre senkrecht „über Wasser halten“ und nicht zu einer Seite wegkippen können, wenn der Gasfüllstand einmal sehr hoch sein sollte. Als Meme sein Schweißgerät anschließt, staunen wir nicht schlecht, wie er dabei vorgeht: Um zu vermeiden, dass es die Sicherung raushaut, wenn er das Gerät bei „unserem“ Häuschen ganz normal an die Steckdose anschließt, kappt er kurzentschossen die Stromverbindung zum Häuschen und klemmt stattdessen im Freien an die beiden Phasen der freihängenden Stromleitung sein Schweißgerät dran – und das ohne Schutzvorkehrungen auf einer Metallleiter stehend – krass! Aber Erfahrung macht abgedroschen, und so wundert es uns nicht weiter, dass die Sache super funktioniert und Meme innerhalb der nächsten halben Stunde jeweils zwei Ösen unten und oben an gegenüberliegenden Seiten angebracht hat. Ralf nutzt derweil die Gelegenheit, und zwackt von der im Schweißgerät integrierten Steckdose etwas Strom für den Betrieb der Bohrmaschine ab, mit der er die Löcher in die Balken vorbohrt, durch die später einmal die Führungsschinen gehalten werden sollen. Einzige Schwierigkeit: Wir haben keinen passenden Bohrer zur Hand, und so verwenden wir einfach einen der Nägel und „brennen“ mit diesem buchstäblich das Loch in die Pfosten hinein. Dabei merkt Ralf recht bald, was für explosive Zustände man proviziert, wenn zu lange und zu tief an derselben Stelle gebohrt wird – da knallts schon mal aus dem Holzloch heraus…
Am Mittwoch Morgen werden wir vom Fahrer unseres Gastvaters Yohalmo abgeholt und machen uns gemeinsam mit unserer Gastmutter Chela auf dem Weg in die Hauptstadt San Salvador, wo wir Yohalmo in seinem Büro im Regierungsgebäude antreffen. Uns wundert es etwas, wie leicht man Zugang zu den Abgeordneten hat, wenn man mit dem Auto nur erstmal den eingezäunten Parkplatz erreicht hat und durchs Treppenhaus nach oben geht. Nur ein Sicherheitsmensch spricht uns an und fragt, wen wir hier zu sehen gedenken. Gemeinsam geht’s auch schon weiter zum zentralen Markt in der Stadtmitte, wo verschlissene Straßen aus marodem Kopfsteinpflaster und überfüllte Parkplätze uns zunächst davon abhalten, dass wir schnell das Auto abstellen können. Von der anderen Seite in die Marktstraße einfahrend klappts aber prompt auf einen kleinen Parkplatz, und kurz darauf genießen wir an einem der hunderten kleinen „Fressbuden“ innerhalb der Markthalle ein asiatisch anmutendes Nudelgericht. Eine Stunde später zurück im Regierungsgebäude angekommen werden wir auch schon von einem weiteren Fahrer abgeholt, der uns zur größten Müllkippe des Landes kutschiert, die etwa ca. 20 km von der Hauptstadt entfernt liegt. Wir wundern uns doch ein wenig, als wir über die etwa 10 km lange, unbefestigte Zufahrtstraße hoppeln, und fragen uns, wie hier im Minutentakt große Mülllaster Tag ein Tag aus drüberfahren, da der Verschleiß doch enorm sein muss bei deren Gewicht!? Auf jeden Fall werden wir wenig später freundlich von der Chefin des Müllentsorgungsunternehmens MIDES und ein paar Ingenieuren und Technikern ampfangen, die uns bei einer Rundfahrt durch das Gelände das Konzept der Deponie näherbringen. Die 2000 Tonnen Müll, die täglich (!) auf dem Gelände eintreffen, werden in Parzellen abgeladen, die so konstruiert sind, dass mehrere Gasbrunnen mit jeder Parzelle verbunden sind, durch die das entstehende Deponiegas (=Biogas) abgesaugt und von BHKWs erstromt werden kann. Wir erfahren, dass es das einzige und fortschrittlichste Projekt des Landes zur Deponiegasnutzung ist, und die BHKWs ab nächstem Jahr insgesamt 6 MW Strom einspeisen sollen. Nach der Begehung des Geländes, dessen jetzige und geplante Ausdehnung beeindruckend und schockierend zugleich sind, treffen wir im Versammlungsraum nochmals, um mögliche alternative Müllbehandlungskonzepte zu diskutieren. Wir stellen grob das Konzept einer MBA (Mechanisch-biologische Abfallbehandlung) am Beispiel der Anlage Kahlenberg in der Ortenau vor, und sind uns am Ende einig, dass dieses Verfahrenskonzept hierzulande niemals wirtschaftlich umsetzbar wäre. Außerdem wäre es wahrscheinlich mit Kanonen auf Spazen geschossen, da der gemischte Müll in El Salvador zu etwa 90% aus organischen Abfällen besteht, da die einfachen Leute schon vorher Wertstoffe wir Plastikflaschen in den verschiedenen Gemeinden aussortieren. In sofern könnte der Müll wahrscheinlich über relativ wenige Vorbehandlungsschritte so aufbereitet werden, dass die lösliche organische Fraktion in einem kontinuierlichen Biogasprozess energetisch genutz werden könnte. Am Ende eines interessanten und von allen Seiten offenen Diskussionsnachmittags tauschen wir noch unsere Kontakte aus, falls sich MIDES tatsächlich einmal für eine hochwertige Müllverwertungsanlage und gegen die „Fläche fressende“ Deponie entscheiden sollte. Mit dem Auto geht’s zurück nach San Salvador, wo wir die Gelegenheit nutzen, Daniella (eine alte Bekannte von uns) für ein Stündchen in einer Mall zu treffen. Auch sie als Ärztin ist NGO-mäßig engagiert und fliegt bereits kommenden Sonntag für zwei Wochen nach Afrika, um medizinische Hilfestellung im Sudan und in Kenia zu geben. Auch wenn wir uns hier gerade in einem Entwicklungsland befinden, sind wir uns in doch einig, dass Afrika doch nochmal ein ganz anderes Pflaster ist, und wir deswegen gut nachvollziehen können, dass Daniella ihre Bedenken hat angesichts der dortigen sanitären Verhältnisse und dem wenigen uns einseitigen Essen, mit dem sie für eine Weile vorlieb nehmen muss. In jeden Fall: Hut ab für die junge Ärztin, die sich sowohl in ihrem Heimatland als auch in den ärmsten Gebieten der Welt derart einsetzt! Gerne greifen wir auch ihren Vorschlag auf, bei INGOG einmal über Solarkocherprojekte zu diskutieren, die für El Salvador durchaus die günstige und umweltfreundliche Alternative zum Kochen mit Holz (wie auf dem Land häufig noch üblich) darstellen könnte.