Der Lehrer Omar Aquino

Bereits zwei Wochen lebt unser Ausreiseteam in Cochabamba und vieles wirkt vertraut. Der Tag beginnt mit einem Frühstück im Schein der noch schwachen Sonne auf dem Balkon in der Calle Mexico. Zu frischem Obst und selbstgepresstem Maracujasaft werden noch einmal die Pläne für den Tag durchgegangen und anstehende Besprechungen vorbereitet. Unten beginnt allmählich das rege Treiben der Großstadt Cochabamba. Noch ist der Verkehrslärm aber gedämpft und man hört nur die laute Stimme der Zeitungsverkäuferin von Los Tiempos. Unermüdlich fährt sie schwer bepackt auf ihrem klapprigen Fahrrad die Straße auf und ab. Manchmal klingen die heiseren Rufe ab, wenn sie in eine Seitenstraße einbiegt, nur um daraufhin wenige Minuten später aus einer anderen Richtung erneut zu erklingen. Im Laufe des Vormittags wird sie dann ihre Stellung an der Straßenkreuzung unterhalb der Wohnung einnehmen um mit beeindruckender Ausdauer weiterzurufen: "Tiempos...Tiempos...Tiempooooos!". Nur wenn ein Kunde da ist, hält sie kurz inne.

Tagsüber stehen dann viele Besprechungen an. Dieses Jahr soll das Projekt Bildung bleibt auf eine weitere Berufsschule ausgeweitet werden. Auch DorfbewohnerInnen sollen zu Experten des Kochstellenbaus ausgebildet werden um die saubere Technologie auch in die entlegensten Dörfer des Bezirks Micani bringen zu können. Es ist also nicht alles wie in den Jahren zuvor. Auch die Rolle von Ingenieure ohne Grenzen entwickelt sich zunehmend weiter. Micha, Nina und Conni sind vor Allem als Berater vor Ort. Immer mehr Aufgaben werden von unseren lokalen Partnern übernommen.

Ein Beispiel hierfür ist der Lehrerworkshop, der diese Woche bei unserer Partnerschule dem Instituto Tecnológico Sayarinapaj stattfindet. Es geht darum die Lehrer unserer Partnerschulen mit neuen didaktischen Methoden vertraut zu machen. Die sollten sie bei der Durchführung des Kurses verstehen, besser noch aber auch in den Rest ihres Unterrichts einfließen lassen. Die Schüler sollen im Unterricht eine aktivere Rolle einnehmen. So merkt man sich die Lehrinhalte besser, vor Allem aber bleiben diese nicht nur träges Wissen ohne Anwendungsbezug. Hierzu dienen Rollenspiele, situationsbezogene Aufgabenstellungen, Gruppenarbeit, Wiederholungen und Feedbackrunden - weniger Frontalunterricht und mehr Interaktion.

Omar Aquino hat diese Konzepte verinnerlicht. Eine Zeit lang war der junge Berufsschullehrer als Informatiker in der Industrie tätig. Dann schulte er um, lernte Schweißen und entdeckte seine Leidenschaft fürs Lehren. Wir begleiten seine Lehrerlaufbahn seit ihren Anfängen. Inzwischen ist Omar bereits zum dritten Mal für die Umsetzung des Projektes Bildung bleibt am Instituto Tecnológico Sayarinapaj verantwortlich. Er setze die neuen Methoden gerne um, erklärt er. Sie würden ihm dabei helfen seinen Unterricht motivierender zu gestalten. Auch bei den trockeneren theoretischen Themen könne er nun mehr Schüler mitnehmen. Immer wieder erfindet er neue Methoden, wie er seine Klassen dazu bekommt sich aktiver mit den Inhalten auseinanderzusetzen.

Nun möchte Omar auch seine Kollegen hierfür begeistern. Gemeinsam mit Conni, Nina und Micha organisiert er den Lehrerworkshop. Noch viel stärker als in den vergangenen beiden Jahren übernimmt Omar die Führung. Souverän erklärt er seinen KollegInnen die Vorteile der neuen Methoden und voller Stolz berichtet er von den Erfolgen, die er bei sich im Kurs beobachten konnte. Die LehrerInnen sollen während des Workshops die Methoden selbst erleben, auf die gleiche Weise wie sich später ihre SchülerInnen mit den Lehrinhalten auseinandersetzen sollen. Man nutzt die neuen Methoden um wiederum andere Methoden zu erarbeiten oder man wendet sie an um bei den neuen Lehrern das Wissen zu den rauchfreien Kochstellen zu vertiefen. Manchmal spinnt man auch einfach rum: zwei Teams werden unterschiedliche Perspektiven zugewiesen und sie sollen die zentrale Frage diskutieren "Soll der Pique Macho (ein typisch bolivianisches Rindergericht mit Zwiebeln, Tomaten und Pommes) vegetarisch werden?" Völlig undenkbar in Bolivien!

Nach zwei Tagen Workshop ziehen wir ein positives Fazit. Die beiden von unserer neuen Partnerschule aus San Pedro angereisten Lehrer zeigen sich offen überrascht über die neue Perspektive: Aus den Augen hatten sie ihre Rolle als Lehrer wohl noch nie gesehen. Sie wollen versuchen die Methoden häufig anzuwenden und freuen sich schon darauf in wenigen Wochen das Projekt Bildung bleibt mit ihren SchülerInnen durchzuführen. In den Gemeinden um San Pedro wollen sie dann mit SchülerInnen dafür sorgen, dass 50 weitere Familien rauchfrei kochen können. Auch drei Mitarbeiter unserer Partnerorganisation Fundación Sodis waren dabei. Sie sind keine Lehrer, sondern arbeiten an Gemeindeentwicklungsprojekten im ländlichen Bolivien. Doch auch ihr Fazit fällt positiv aus. Die eine oder andere Methode könne man ja auch in Besprechungen einsetzen um besser die Perspektiven von allen Anwesenden mit einzubeziehen. Und ganz nebenbei habe man auch viel Interessantes über die Funktionsprinzipien von rauchfreien Kochstellen gelernt. Am positivsten fällt aber unser Fazit aus. Am Beispiel des Lehrers Omar Aquino sehen was wir mit dem Projekt Bildung bleibt erreichen können.

Nun gilt es für uns dieses Konzept weiterzuverbreiten, in diesem Jahr an dem Instituto Tecnológico Charcas in San Pedro. Das ist viel Arbeit. Zwei fleißige Wochen liegen hinter dem Ausreiseteam. Nun will man Sonntags endlich mal in der Wohnung in der Calle Mexico ausschlafen, doch Cochabamba ist gnadenlos. Es ist sieben Uhr morgens und aus der Ferne erklingt eine Frauenstimme. Von Ruf zu Ruf wird sie lauter: "Tiempos...tiempos, tiempos...TIEEEEMPOOOOOOOOS!"

 

Verfasser: Christoph Netsch