Die ersten Unterrichtsstunden an der Schule
Die (Weiter-)Bildung der Menschen Boliviens ist eines der großen Ziele dieses Projekts. Es geht nicht nur darum, den jungen Berufsschülern beizubringen, wie man effiziente Öfen aus Lehm baut. Das Projekt geht auch weiter! In einem Dorf, weit entfernt von Städten mit Dynamik, Infrastruktur und Kapital, können die Lebensbedingungen verbessert werden, indem Krankheiten verhindert werden, indem die Rauchbelastung vermieden wird.
Die Schüler der Berufsschule Sayarinapaj sind Theorieunterricht kaum gewöhnt. Praktische Fertigung von gegebenen Plänen ist das Hauptaugenmerk der Ausbildung. Das eigenständige Entwickeln von Lösungen oder gar die Erhebung von Bedarfen oder Problemen sind nicht Bestandteil der Lehre. Die Schule möchte das ändern. Auch konkrete Fähigkeiten, wie Inhalte aus Texten zusammenzufassen oder das Dokumentieren von Vorgängen sollen geschult werden.
Zu diesem Zweck haben wir über Monate ein umfangreiches Lehrkonzept entwickelt, das den kompletten Entwicklungsprozess einer Lösung abbildet. Ausgehend von der Bedarfsermittlung soll der ganze Weg des Engineerings beschritten werden und schließlich in einem Besuch des Dorfes Taca Copa gipfeln, wo zusammen mit den Bewohnern die Öfen implementiert werden sollen. Dieser Prozess soll dann dokumentiert werden und abschließend Anregungen zum Thema Mikrounternehmertum gegeben werden.
Wir kommen um 7:45 Uhr morgens an der Schule an. Halb Bolivien schläft noch und anscheinend einige Schüler und Lehrer auch. Um 8:00 Uhr soll die Unterrichtsstunde beginnen, doch es sind nur 4 von 14 Schülern anwesend und das von uns erstellte Unterrichtsmaterial, welches in der Schule ausgedruckt werden sollte, ist noch nicht vorhanden. Der Schlüssel zum Kopierraum fehlt. Naja. Mit der aufsteigenden Sonne steigert sich auch die Aktivität von Lehrern und Schülern. Der Rest der Klasse trudelt ein, die Arbeitshefte werden gebracht und die Schüler beginnen, sich auf das neue Unterrichtsfach einzulassen. Als die Schüler Vor- und Nachteile verschiedener technischer Lösungen zum Kochen erarbeiten und vorstellen sollen, sehen wir das erste Mal hautnah, dass die Schüler ausschließlich lehrerzentrierten Frontalunterricht gewohnt sind. Wir fordern die Schüler heraus und diese nehmen die Herausforderung an.
Eine Woche später um 8 Uhr morgens das gleiche Bild: Alle sind zu spät, wir allerdings auch etwas. Das ist wohl Bolivien. Man akzeptiert es oder reibt sich auf. Doch es geht bergauf: Zum ersten Mal in ihrem Leben nutzen die Schüler ihre Computer zum Recherchieren. Sie lachen und lernen und es macht ihnen Spaß.
Danach werden die physikalischen Prinzipien eines Ofens anhand von Versuchen erklärt. Es brennt, es bewegen sich Dinge von Geisterhand und alles ist greifbar, sichtbar und logisch. So etwas haben die Schüler noch nie gemacht und wir freuen uns über steigende Motivation und Engagement. Nachmittags, zur Belohnung für die anstrengende Konzentration des Kopfes auf Physik, fertigen wir noch die ersten wichtigen Bestandteile des Ofens. Heute auf dem Programm: Der Rost. Die Schüler bewegen sich wieder in gewohnten Gefilden und blühen umso mehr auf. Wir freuen uns auch darüber, dass angezweifelt wird, dass ein so kleiner Rost für einen ganzen Ofen reichen kann. Wir diskutieren und erklären. Der Rost wird reichen. Das kritische Hinterfragen von Prozessen und Lösungen ist ein wesentlicher Vorgang in der Entwicklung von technischen Lösungen. Die Fortschritte werden sichtbar!
22.05.2015 09:57, Philipp Blanke