Es gibt keine Adobes
“Manakanchu adobesta.” - “Es gibt keine Adobes.” , meint Doña Ancelma. Zumindest soviel kann ich mit meinen beschränkten Quechuakenntnissen verstehen. Es ist bereits das zweite Haus in Suarani, das ich besuche um zu kontrollieren, ob die notwendigen Vorleistungen für den Kochstellenbau erbracht wurden. Auch beim Ersten hieß es “Manakanchu adobesta”. Mehr als“Manakanchu chimenea.” konnte ich nicht entgegnen. Und in fünf Tagen soll eine Schulklasse aus Cochabamba ankommen, um gemeinsam mit den Bewohnern Suaranis Kochstellen zu bauen.
Hinter uns liegen zwei ereignisreiche Wochen. Es gab einige Höhen, zum Beispiel Peter und Julia’s Gespräche mit Vertretern der deutschen Botschaft und EnDev, des größten deutsch-bolivianischen Kochstellenprojektes. Es gab aber vor allem viele Probleme – Finanzierungsprobleme, Logistikprobleme, Organisationsprobleme und Kommunikationsprobleme. Alle hatten wir bislang mit unseren Partnern erfolgreich umschiffen können. Doch dann war vergangenen Freitag die Nachricht gekommen man habe in Suarani, unserem diesjährigen Projektdorf, noch keine Adobeziegel gefertigt. Dieses Problem konnte man nicht mehr umgehen. Schweren Herzens trafen wir die Entscheidung die Implementierung mit den Schülern um eine Woche zu verschieben. Fraglich war dennoch, ob eine Implementierung überhaupt stattfinden werden könne: das Interesse der Gemeinde an verbesserten Kochstellen war bisher offensichtlich nicht geweckt worden.
Nach einem Tag des Frusts entschieden wir uns dorthin zurückzukehren, wo unser Projekt angefangen hatte. Vor zwei Jahren startete unser Projek in Bolivien mit einem Workshop zur partizipativen Bedarfsermittlung in der Gemeinde Tacacopa. Mit sogenannten PRA-Methoden (englisch: participatory rural appraisal) wurden in Anlehnung an Methoden aus der Anthropologie die Bedürftigkeiten ländlicher Gemeinde erforscht. Schnell hatten die Bewohner Tacacopas selbst die Notwendigkeit neuer Kochstellen erkannt und waren umso motivierter das Problem selbst in Angriff zu nehmen. Auf ähnliche Weise sollte nun das Interesse und die Motivation der Bewohner Suaranis geweckt werden. Mit zwei Mitarbeitern unseres Partners Sodis erreichten wir am Montag die entlegene Gemeinde auf einem Berghang in der Region Potosi. Mit dem Dorflehrer und einem Vertreter der Lokalverwaltung bereiteten wir den geplanten Workshop vor.
Tags darauf trafen die Bewohner Suaranis und der Zwillingsgemeinde Pallacach vor der Schule ein. Auf dem Schulhof verteilt sahen sie große Papierbögen. In Gruppen sollten sie zunächst – getrennt nach Männern und Frauen – alle Bedürfnisse und Probleme aufzeichnen, die sie in ihrer Gemeinde erkennen und die sie lösen möchten. Diese Probleme sollten sie dann mit kleinen Häufchen aus Steinen quantifizieren und priorisieren. Ein großer Haufen, ein großes Problem. Ein kleiner Haufen, ein kleines Problem. Kochen spielte in der Tat nur bei der Frauen eine wichtige Rolle. Immerhin erkannten alle die Entwaldung und die damit einhergehende Erosion als großes Problem. Darauf konnten wir aufbauen.
Die Teilnehmenden sollten selbst zu der Einsicht gelangen, dass sie verbesserte Kochstellen benötigen. Sie sollten den Workshop verlassen mit dem Wunsch selbst Kochstellen zu bauen. Möglichst sofort. Wir und unsere Schüler würden dann die Kaminrohre und das technische Know-How liefern. Durch rationale Argumente kann ich jedem logisch und verständlich erklären, warum er eine verbesserte Kochstelle braucht. Doch erklären ist nicht gleich überzeugen und animiert noch lange nicht zum Handeln. Die Bewohner mussten also selbst zu drei Einsichten gelangen:
- "Ich brauche für das Kochen viel Zeit, mehrere Stunden sogar für das Holzsammeln. Wenn man es schafft weniger Holz zu verbrauchen, bleibt einem mehr Zeit für schönere/wichtigere Dinge."
- "Mein hoher Holzverbrauch führt zu Entwaldung und dann Erosion."
- "Kochen in einem Raum auf offenem Feuer ist sehr gesundheitsschädlich, weil man Rauch einatmet – nicht nur für mich, sondern auch für die Kinder, die sich mit mir in der Hütte aufhalten."
Mehrere Stunden reflektierten die Dorfbewohner dann ihren Tagesablauf, überlegten sich wobei sie gerne Zeit sparen würden und wofür sie diese Zeit gerne investieren würden, zeichneten Karten ihres Dorfes und fanden Korrelationen zwischen der Entwaldung und Erosion, die ihnen die Felder wegnahm und sahen schließlich einem Wattebausch in Lungengröße zu, wie er während dem Kochen von Kartoffeln über dem Feuer schwarz vor Ruß wurde.
Die Methoden waren nicht nur für die Dorfbewohner neu, sondern auch für unsere quechuasprachigen Trainer. Häufig musste man sie zurückhalten nicht in die Rolle des Belehrenden zurückzufallen, sondern lieber eine aktive Teilnahme aller Anwesenden anzuregen. Am Ende des Tages sind wir uns nicht sicher, wie erfolgreich der Workshop war. Viele hatten uns ihre Teilnahme zugesagt, doch das hatten sie bereits einmal. Ob auf Worte Taten folgen, würden wir am Freitag sehen.
Freitag stehe ich also vor Doña Ancelmas Haus und höre bereits das zweite mal „Manakanchu adobesta.“ Ich male mir schon aus, wie Peter in Cochabamba den Schülern erklären muss, dass kein Kochstellenbau und keine Reise stattfinden würde.
Dann geht es zum nächsten Haus. Da liegen Adobeziegel und in einer Ecke fermentiert in einem Plastiksack der Lehmmörtel! Der Anblick wiederholt sich ab nun, bei jedem Haus, das wir besuchen. Irgendwann am frühen Nachmittag klettere ich auf eine Anhöhe, um Peter anzurufen. Er möge bitte noch etwas Baumaterial kaufen. Wir werden deutlich mehr Kochstellen bauen, als wir es ursprünglich je geplant hatten.