1000 km zu Fuß in Suarani

1000 km zu Fuß in Suarani

Elsa, von der Fundación Sodis, hatte deutliche Worte gefunden, als sie unseren diesjährigen Projektstandort beschrieb: “Letztes Jahr war ein Spaziergang.” Dass wir viel laufen mussten, galt gleichermaßen für uns, wie auch für unsere mitgereisten Kochstellenspezialisten: Neunzehn Schüler und ihr Lehrer Omar waren mit uns nach Suarani gereist , wo wir vor der Dorfschule unser Zeltlager aufschlugen. Die Schüler wiederum sollten den Bewohnern der beiden benachbarten Dörfer Suarani und Pallacach beibringen, wie sie saubere und umweltschonende Biomassekochstellen bauen können.

Doch dazu mussten die Bewohner erst einmal erreicht werden. Pallacach und Suarani sind zwei weit ausgedehnte Gemeinden, idyllisch auf drei Berghängen in der Region Potosí oberhalb des silbrig glänzenden Rio San Pedro gelegen. Die Tatsache, dass für jede einzelne Kochstellenbaustelle Zement, Sand (aus dem Fluss im Tal), ein Kaminrohr, Baustahl, Schamotteziegel und Werkzeug herangetragen werden musste, machte die Arbeit nicht weniger anstrengend.

Die Distanzen alleine sind immens. Eine Tageswanderung benötigen Peter und ich, um alle 18 Baustellen zu besuchen. Naturgemäß musste man sich auf die Schüler noch in viel höherem Maße verlassen können – hinsichtlich der Qualität ihrer Arbeit und ihrer Motivation. Schließlich ist es kaum möglich, beim Bauprozess korrigierend einzugreifen. Waren unsere Bedenken gerechtfertigt, ob diese Aufgabe zu meistern ist?

Montag, 09:00, Pallacach: Ich zeige einer Gruppe von sieben Schülern ihre Baustellen. Wir tragen bereits alles Material vom Fluss hinauf, das in diesem Bereich benötigt wird. Alibimäßig trage ich ein paar Ziegelsteine. Der Aufstieg auf engen Wegen über steile Berghänge und tiefe Schluchten raubt mir den Atem: wir sind auf 3658 Metern Höhe. Unser ältester Schüler „Don“ Julio hat sich einen 60 kg Sack Zement über das Kreuz gelegt. Ich kann kaum mithalten. Sanchez, ein Anführertyp, spornt die Gruppe an: „Wir wollen doch nicht langsamer als die anderen sein!“ Dann rennen die Schüler den Berghang hoch.

Montag, 20:00, Zeltlager: Es ist bereits dunkel und gerade ist die vorletzte Schülergruppe erschöpft in unserem Lager angekommen. Wir machen uns Sorgen, denn eine Gruppe ist immer noch nicht da. Sind sie verloren gegangen? Ist etwas passiert? Zwanzig Minuten später beschließen wir, sie zu suchen. Gerade dann hören wir ihre Rufe, als sie die letzten Meter aus dem Tal zu unserem Camp hochlaufen. Sie hatten besonders lange gearbeitet, um möglichst früh fertig zu werden. Vor dem Schlafen kündigt der Lehrer Omar noch an, um Punkt sieben Uhr morgens sei Weckruf. Den Schülern ist das zu spät. Man werde bereits um sechs aufstehen.

Dienstag, 06:00, Zeltlager: Ich höre bereits seit einer halben Stunde die Stimmen einiger Schüler, die wohl dabei sind Frühstück zu kochen, doch jetzt klingelt mein Wecker und ich muss aufstehen. Während des Frühstücks erscheinen einige Dorfbewohner, die wir bislang noch nicht hatten kontaktieren können, denn sie wohnen auf der Rückseite des Berges. Uns wird klar, dass wir trotz Peters kurzfristigem Aufstocken des Baumaterials nicht jede Dorfbewohnerin und jeden Dorfbewohner mit dem Wunsch nach einer Küche bedienen können . Omar und ich stellen die Schüler vor die Wahl: entweder können wir, wie geplant, mit dem restlichen Material eine große Schulküche direkt neben unserem Lager an der Dorfschule bauen oder wir tragen das Material über den Bergkamm, um drei Familienkochstellen zu erbauen. Einstimmig entscheiden sich die Schüler für die anstrengendere Option zwei. Schnell ist eine Gruppe gefunden und wir wandern über den Bergkamm.

Dienstag, 15:00 Uhr, Rio San Pedro: Peter und ich sind mit unserem Kontrollgang fast fertig. Fünf Kochstellen und ein Berghang warten noch auf uns. Wir hatten bisher nur kleine Änderungsvorschläge an den Strömungskanälen anbringen müssen. Nun sehen wir die drei Kochstellen, die Matthias, Isaac und Joao gerade fertiggestellt hatten. Sie sind in jeder Hinsicht perfekt.

Mittwoch, 08:00 Uhr, Suarani: Viele Schüler sind fast fertig und verlassen das Camp nur noch, um die Zementkochplatten auf ihre Kochstellen aufzusetzen. Peter macht einen letzten Kontrollgang. Matthias, Wilson und ich beschließen, trotz des Mangels an Baumaterial, eine Küche für die Dorfschule zu erbauen. Wegen der fehlenden Schamotteziegel wollen wir eine großzügige Öffnung dort lassen, wo die Brennkammer hingehört. Wilson, ein Mitarbeiter der Fundación Sodis, wird sich bei seinem nächsten Besuch dann darum kümmern, diese Lücken zu schließen. Eine große Kochstelle für eine Schulklasse hat andere Anforderungen als die einer Familie. Ich erkläre Matthias grob unser Konzept. Dann übernimmt er das Kommando und ich werde zum Lehmmörtelanreicher degradiert. Nur selten muss ich ein paar Vorschläge einbringen.

Freitag, 20:00 Uhr, San Pedro: Die meisten Schüler sind am Morgen bereits mit Omar abgereist. Sechs sind geblieben, um die Umgebung zu erkunden. Wir hatten den Tag genutzt, um mit der Schulleitung einer weiteren Berufsschule (erfolgreich) über eine Ausweitung des Projektes zu sprechen. Abends treffen wir die sechs Schüler. Sie waren den Tag über 30 km zu einer Thermalquelle gewandert. Wir fragen sie, ob sie nach der Woche wenigstens etwas erschöpft sind, denn wir sind es. Es sei anstrengender als der Militärdienst gewesen, meint Sanchez. Immerhin.

Zufrieden und begeistert von den außerordentlichen Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten durften, blicken wir auf die vergangene Woche zurück. In Pallacach und Suarani hinterlassen wir mehr Kochstellen, als wir es geplant hatten. Wir hinterlassen aber auch eine große Nachfrage an weiteren Kochstellen. Nicht nur in Suarani haben uns Menschen angesprochen, wann wir denn zurückkämen, um auch ihnen eine Kochstelle zu erbauen. Auch die Bewohner vieler Nachbardörfer sprachen uns mit diesem Wunsch an. Unsere Aufgabe, und die unserer Partner, ist es nun herauszufinden, wie wir diese Nachfrage bedienen können, denn nicht in jeder der 19 Gemeinden des Bezirks werden wir den Luxus haben, mit einer großen Gruppe motivierter Kochstellenspezialisten arbeiten zu können.